Textwerkstatt

Hier finden Sie Texte und Bausteine von Liedern, an denen ich gerade aktuell arbeite. Ob alle davon auch Songs werden, ist noch nicht sicher. Auch hier gilt: für Resonanzen und Rückmeldungen bin ich immer dankbar.


Urlaubsanspruch

„Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer?“ Die Frage von Rudi Carell aus den frühen siebziger Jahren erscheint angesichts des aktuellen Wetterstandes als ein Relikt aus einem längst vergangenen Jahrhundert. Dank Klimawandel sind uns Phänomene wie Tropenhitze oder Saharasand nicht mehr unbekannt. Die Sommer zeichnen sich auch nicht mehr durch Flüchtigkeit aus, sondern bescheren uns in schöner Regelmäßigkeit Temperaturen von 40° und darüber. Diese Thermometerstände zwingen selbst den pflichtbewusstesten deutschen Arbeiter dazu, ab und zu eine Pause zu machen und besonders in der Mittagshitze auch ein Erholungsschläfchen nicht völlig auszuschließen. Als Folge der Globalisierung hat nun also auch die südländische Siesta den deutschen Kulturraum erreicht.

Gott sei Dank ist für die meisten im Sommer die Zeit nicht mehr weit, in der man als guter Deutscher auch mal fünfe gerade sein lassen kann und den Stift oder die Maus aus der Hand legen darf: das ist dann das Beste am Sommer der Urlaub! Damit wird gemeinhin die Zeit bezeichnet, die man den Rest des Jahres herbeisehnt und in der man hemmungslos Strandliegen mit Badetüchern reservieren und im Flugzeug oder Kreuzfahrtschiff seinen Beitrag zur weltweiten CO2 Erhöhung leisten darf. Diese Zeit muss natürlich optimal genutzt werden und darf auf keinen Fall durch Misstöne gestört werden. Urlaub ist zumindest theoretisch die Zeit der Erholung und der Regeneration und darauf haben wir einen Anspruch! Einen Urlaubsanspruch! Garantiert und einklagbar. Für alle.

Nun muss man der ordnunghalber aber hinzufügen, dass dieser Anspruch weltweit betrachtet nicht überall gleich groß ist. Arbeitnehmer in China und Kanada haben 10 Tage Urlaub. Beschäftigte in Deutschland dürfen sich über 30 Tage Urlaub freuen.

Aber leider auch nicht alle: Parkinson Betroffene haben überhaupt keinen Urlaubsanspruch - zumindest gegenüber Mister P. Das macht mich mit schöner Regelmäßigkeit ziemlich sauer. Wie gerne hätte ich mir mal 2-3 Wochen eine Auszeit von ihm genommen. Einfach mal abschalten, mal wieder ein paar Wochen keine motorischen oder vegetativen Störungen mehr haben, nicht mehr darauf achten zu müssen, ja möglichst pünktlich alle 3 Stunden Tabletten schlucken zu müssen. Nicht darüber nachdenken zu müssen, ob meine Kräfte für eine mehrstündige Fahrt oder einen Flug reichen und ob ich jemals in meinem Leben wieder das Meer sehen werde. Nicht mehr eine halbe Stunde zu brauchen, um mühsam Badehose und Sandalen anzuziehen und auch genügend Kraft und Interesse zu haben, abends mit Freunden bei einem kühlen Getränk zu sitzen und entspannt bis Mitternacht über Gott und die Welt zu philosophieren. Und nicht zuletzt: ohne große Anstrengung eine Strandliege mit einem Badetuch bedecken können. Ach… Wenn ich mir das alles so vorstelle, das wäre dann sicher die schönste Zeit des Jahres!

Doch in der Realität bin ich leider ziemlich recht- und machtlos. Es gibt kein Amtsgericht, bei dem ich Mister P verklagen könnte. Denn einen Urlaubsanspruch habe ich leider nicht und kein Rechtsanwalt der Welt könnte meine Interessen gegenüber Mister P vertreten. Falls ich wirklich einmal wieder in Urlaub fahren sollte, kann ich auch hinterher nicht auf Minderung des Reisepreises wegen dauerhaft anhaltender Beschwerden pochen. Mister P steht über dem Recht und kann einfach nicht haftbar gemacht werden.

Ein kleiner Trost: ich sollte mich darüber freuen, dass es Tropenhitze und Sahara Sand nun auch schon bei uns gibt. So stellt sich beim „Urlaub auf Balkonien“ auch bei den Daheimgebliebenen ein Hauch von Exotik ein. Glücklich ist, wer entspannt das genießen kann, was er hat und was das Leben ihm tatsächlich bieten kann. Darauf hat man zwar keinen Anspruch, aber man kann selber etwas dafür tun, dass sich dieses Gefühl einstellt. Und ganz ehrlich: das schaffen viele im Urlaub nicht!

© Jürgen Blum 2019, alle Rechte beim Autor


 

 

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